Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten
Zum Problem der Lebensform bei Giorgio Agamben und Theodor W. Adorno
Bibliographic Data
| ID | 10613809 |
|---|---|
| Authors | Eva Geulen (0009-0004-3700-1661, corresponding author) |
| Year | 2010 |
| Volume | 125 |
| Issue | 3 |
| Pages | 642-660 |
| Publication date | 2010-04-01 |
| Open Access | No |
| Type | ARTICLE |
| Venue | Modern Language Notes (JOURNAL) |
| Journal identifiers | ISSN: 0149-6611 • E-ISSN: 2326-1978 |
| Publisher | Project MUSE (PUBLISHER • US) |
| DOI | 10.1353/mln.0.0264 |
| OpenAlex | W1999769575 |
| Language | EN |
| References cited | 4 |
Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten: Zum Problem der Lebensform bei Giorgio Agamben und Theodor W. Adorno Eva Geulen (bio) Adornos negative Dialektik hat mit Giorgio Agambens theoretischem Profil zunächst kaum mehr gemeinsam als die Neigung zur dilemmatischen Zuspitzung von Ausweglosigkeiten.1 Entsprechend schwach ausgebildet sind beim einen wie beim anderen auch die Alternativen zu den herrschenden Verhältnissen. Unmissverständlich ließ Adorno wissen, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert, der Darstellung des ‚beschädigten Lebens‘—so der Untertitel seiner Minima Moralia,2 in welcher der berüchtigte Satz steht—derart viel Platz einzuräumen, dass sich abzeichnet, wie [End Page 642] das Scheitern selbst zum Ausweg werden kann. Denn wenn, ja gerade wenn und nur sofern es kein richtiges Leben im falschen gibt, kann gelten, dass die „vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt.“3 Agamben, der sich im Zeichen Hegels seinerseits mit den dialektischen Potentialen der Negativität beschäftigt hat,4 sind solche Motive nicht fremd. Am Ende einer frühen Studie zur Ästhetik beispielsweise evoziert er eine apokalyptische Denkfigur, die in Adorno durchaus vergleichbarer Weise wissen lässt, dass das Rettende mit der Gefahr wächst: „According to the principle by which it is only in the burning house that the fundamental architecture problem becomes visible for the first time, art, at the furthest point of its destiny, makes visible its original project.“5 Es scheint also genug Affinitäten zwischen Adorno und Agamben zu geben, um einen Vergleich zu rechtfertigen, dem es allerdings mehr auf die Unterschiede als auf die Gemeinsamkeiten ankommt. Im Folgenden sollen oberflächliche Ähnlichkeiten genutzt werden, um tieferliegende Unterschiede besser markieren zu können. Wo sowohl Agamben als auch Adorno an den Rändern, also an den Extremen ihres Denkens, gleichsam ausfransen und unscharf werden, könnte die Konfrontation ähnlicher Theoreme helfen, das jeweilige Profil zu schärfen. Im Vordergrund steht dabei das Verhältnis von Möglichkeit und Wirklichkeit einerseits sowie Möglichkeit und Unmöglichkeit andererseits für den bei Agamben bekanntlich prominenten Begriff der Lebens-Form, der indirekt auch bei Adorno im Umfeld ähnlicher Problemstellungen auftaucht. Als gemeinsamer Hintergrund ihrer theoretischen Konzeptionen sind lebensphilosophische Themen und ontologische Motive des frühen zwanzigsten Jahrhunderts freizulegen, die je anders in das Denken Adornos wie Agambens Eingang gefunden haben. [End Page 643] (1) Lebens-Form (forma-di-vita)6 kommt bei Agamben stets dort zum Einsatz, wo es um Auswege aus der Souveränitätspolitik geht, die das nackte Leben bis heute in ihrem Bann hält. So identifiziert Agamben am Ende von Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben zunächst die bisherige Politikgeschichte mit der Geschichte der abendländischen Metaphysik, um, auf Schelling und Heidegger anspielend und unter Verweis auf Auschwitz und die perennierende Lagerstruktur, die Lebens-Form als Gegenbild und Ausweg anzubieten:7 Der bios liegt heute genauso in der zoe, wie nach der Heideggerschen Definition des Daseins das Wesen in der Existenz liegt. Schelling drückte die äußerste Figur seines Denkens in der Idee eines Seins aus, das nur das rein Seiende ist. Aber auf welche Weise kann ein bios nur seine zoe sein? Wie kann eine Lebensform jenes haplos erfassen, das zugleich die Aufgabe und das Rätsel der abendländischen Metaphysik bildet? Wenn wir dieses Sein, das nur seine nackte Existenz ist, „Lebens-Form“ (forma-di-vita) nennen, Leben, das seine Form ist und untrennbar von ihr bleibt, dann sehen wir, wie sich ein Forschungsfeld eröffnet, das jenseits der Forschungen liegt, die der Schnittpunkt von Politik und Philosophie, medizinisch-biologischen Wissenschaften und Rechtswissenschaften definiert.8 Weil das so emphatisch wie suggestiv ist, hat das Rätsel der Lebens-Form einigen Deutungsfuror gezeitigt. Wie die meisten Begriffe Agambens umgibt auch die Lebens-Form ein großer Anspielungshorizont, aus dem die Interpreten sich (meist selektiv) bedienen können. So liegen sozialromantische9 Lesarten ebenso nahe wie protochristliche.10 Jedenfalls [End Page 644] hat man davon auszugehen, dass das Kompositum Lebens-Form einen Gegenbegriff zur privativen Logik des nackten bzw. bloßen Lebens darstellt.11 Den Begriff und ein Verständnis der Lebens-Form hatte Giorgio
Humanities · Hannah Arendt's Political Philosophy · Medical, Sociocultural, and Biopolitical Studies · Philosophy · Political Theology and Sovereignty
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