Politisches Charisma in der entzauberten Welt
Bibliographic Data
| ID | 20049968 |
|---|---|
| Authors | Dirk Tänzler (corresponding author) |
| Year | 2007 |
| Pages | 107-137 |
| Publication date | 2007-12-06 |
| Peer Reviewed | Yes |
| Open Access | No |
| Type | CHAPTER |
| Venue | Macht und Herrschaft (SOURCE_BOOK) |
| Publisher | VS Verlag für Sozialwissenschaften (PUBLISHER • DE) |
| DOI | 10.1007/978-3-531-90545-7_7 |
| OpenAlex | W95672524 |
| ISBN | 9783531905457 |
| Language | DE |
| Citations received | 2 |
| References cited | 25 |
In modernen demokratischen Systemen vollzieht sich eine grundlegende Umbildung des Charisma und die Ablösung des damit verknüpften heroischen Mythos von den ›Männern, die Geschichte machen‹ durch die demokratische Wunschvorstellung vom ›Mann des Volkes‹. Diese in dem vorliegenden Beitrag exemplarisch zu belegende These widerspricht dem in den Debatten der letzten Jahre über diesen Grundbegriff der Soziologie Max Webers angestimmten Tenor, der eine im Zuge der Rationalisierung und Säkularisierung sich fortsetzende Abschwächung des Charisma behauptet. Zwar konnte man sich dabei zu recht auf Weber berufen, der diese Entwicklung selbst konzediert hatte. Unter dem Einfluß modernisierungstheoretischer Ideen verschob sich allerdings der Sinn, den Weber dieser These ursprünglich beigelegt hatte, der im Charisma die eigentliche Gegenmacht zur Bü rokratisierung und in beider Dialektik die Triebkraft sozialen Wandels sah.1 Heute scheint, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Hitlerismus, jede Form charismatischer Führerschaft diskreditiert; Wolfgang Mommsen erklärte Weber auf Grund seines Votums für eine charismatisch legitimierte, plebiszitäre Demokratie gar ex post zum unfreiwilligen Vordenker und Wegbereiter des Naziregimes.2 Die Unterscheidung zwischen einer charismatischen Herrschaft, die allein auf gegenmoderne Phänomene wie Hitler und den Nationalsozialismus3 oder Diktaturen in der Ditten Welt4 zu passen scheint, und einer plebiszitären Präsidentschaft im Rahmen einer modernen, demokratisch legitimierten, pluralistischen politischen Ordnung war damit eingeebnet und scheint für die Gegenwartsanalyse ohnehin obsolet geworden zu sein. In einem pluralistischen und dezentralen System stehe der Politiker unter dem Einfluß unterschiedlichster Mächte (der Partei und der Verwaltung, diversen Verbänden und Lobbyisten, der Öffentlichkeit und ihren professionellen Vertretern etc.), die verhindern, daß eine Person sich autokratische Machtfülle aneignen könne. Wenn, dann erscheint Charisma heute nur noch als inszenatorische Allerweltskompetenz eines dominanten Politikertypus,5 der, um in diesem Dschungel überleben zu können, versuchen muß, es allen recht zu machen, und so — mehr Getriebener als treibende Kraft — zum nach Beifall gierenden Populisten wird.6
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| Unique citing works | 2 |
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| Citations per year | 0,13 |
| Citation span | 2010 - 2018 (9) |
| Citation velocity | historical |
| Highly cited | No |
| Citation types | Neutral: 2 |