Auf dem Weg vom Gelehrten zum abhängig Beschäftigten? Zwei deutschlandweite Surveys zur Lehrmotivation von Professoren
Bibliographic Data
| ID | 20080888 |
|---|---|
| Authors | Uwe Wilkesmann (0000-0003-1438-0430, TU Dortmund University, corresponding author) |
| Year | 2012 |
| Pages | 363-381 |
| Publication date | 2012-01-01 |
| Open Access | No |
| Type | CHAPTER |
| Venue | Hochschule Als Organisation (SOURCE_BOOK) |
| Publisher | VS Verlag für Sozialwissenschaften (PUBLISHER • DE) |
| DOI | 10.1007/978-3-531-18770-9_21 |
| OpenAlex | W80884837 |
| ISBN | 9783531187709 |
| Language | DE |
| References cited | 23 |
Die Hauptfragestellung dieses Bandes ist, ob sich die Hochschule von einer Institution hin zu einer Organisation entwickelt. Die Ausbildung der Hochschule zu einer vollständigen Organisation (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000) tangiert auch das Verhältnis der Organisationsmitglieder zur Organisation. Nach Brunsson und Sahlin-Andersson (2000) definiert sich eine vollständige Organisation durch folgende drei Kriterien: Identität, Hierarchie und Rationalität. Insbesondere die Kriterien Hierarchie und Rationalität betreffen das Verhältnis von Organisationsmitgliedern und Organisation bzw. der Organisationsspitze, die die Zielsetzungen vornimmt. Hierarchie bedeutet nach Brunsson und Sahlin-Anderson (2000), dass das Management die Organisation auch steuern kann, also interne Kontrolle und Koordination besitzt. Rationalität beschreibt die Fähigkeit zur eigenen Zielsetzung und die Verbindung von Zielsetzung und Handlung. Die Ziele der Organisationsmitglieder und der Organisation stimmen nur in einem Verein überein, nicht in einer vollständigen Organisation (Wilkesmann 2005; Schimank 2002). Das Organisationsziel und das individuelle Mitgliederziel sind in einem Fußballverein deckungsgleich, nämlich Fußball spielen. In einem Automobilwerk fallen beide Ziele dagegen auseinander: Die Organisation will Autos bauen, dem Organisationsmitglied wird die Motivation abgekauft. Unter Nutzung des individuellen Ziels ‚Geld verdienen‘ wird die Handlung des Organisationsmitgliedes in die Richtung des Organisationsziels gelenkt, Autos zu bauen. Traditionell war die deutsche Universität eine unvollständige Organisation und ähnelte in der Frage der Deckung von Organisationsziel und individuellen Zielen dem Verein. Wissenschaftler wollen forschen und ihre Forschungsergebnisse weitergeben. Die Organisationsziele der Hochschule sind Forschung und Lehre. Die Weitergabe von Forschungsergebnissen betrifft zum einen Veröffentlichungen und Vorträge in der Scientific Community. Zum anderen kann auch Lehre als eine Form der Weitergabe von neuen Forschungsergebnissen betrachtet werden. Hier kann die Organisation auf die intrinsische Motivation ihrer Mitglieder setzen, weil die Ziele der Organisation mit den Zielen der meisten Mitglieder übereinstimmen. Allerdings setzt die intrinsische Motivation, wie aus der Forschung der Arbeits- und Motivationspsychologie bekannt ist (z. B. Ryan/Deci 2000a), entsprechende Freiräume voraus, damit sie sich entfalten kann. Die eigentliche Steuerung obliegt dann weniger der Organisationsspitze als vielmehr den Professionen (Mintzberg 1992). Die unvollständige Organisation wird daher weniger über top-down Kontrolle als durch eine Sozialisation in eine Professionsgemeinschaft gesteuert. Gemeinschaft ist somit die eigentliche Steuerungsform in einer unvollständigen Organisation. Elemente der gesellschaftlichen Steuerung zeichnen dagegen die vollständige Organisation aus. Da das individuelle Ziel und das Organisationsziel nicht deckungsgleich sind, bedarf es extrinsischer Steuerung und Kontrolle des Handelns der Mitglieder. In der unvollständigen Organisation ‚Hochschule‘ kann das Organisationsmitglied Professor sich also eher als Prinzipale im Wissenschaftssystem definieren, wohingegen Mitglieder in einer vollständigen Organisation Agenten und damit abhängige Beschäftigte der Organisation sind
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