Zum Gedenken an Peter Gradenwitz (1910-2001)
Bibliographic Data
| ID | 20439692 |
|---|---|
| Authors | Albrecht Riethmüller (corresponding author) |
| Year | 2002 |
| Volume | 55 |
| Issue | 3 |
| Pages | 237 |
| Publication date | 2002-09-15 |
| Open Access | Yes |
| Type | ARTICLE |
| Venue | Die Musikforschung (JOURNAL) |
| Journal identifiers | ISSN: 0027-4801 |
| Publisher | Sachsische Landesbibliothek, Staats- und Universitatsbibliothek Dresden (PUBLISHER) |
| DOI | 10.52412/mf.2002.h3.761 |
| OpenAlex | W2055036 |
| Language | DE |
Bei der 1980 erfolgten Bestellung von Peter Gradenwitz zum Honorarprofessor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universitat Freiburg i. Br. war sein Jahrgang durchweg schon emeritiert. Er hingegen kam den damit verbundenen Lehrverpflichtungen noch fur zwei Jahrzehnte nach, um eine von ihm aus gesehen dritte, am Ende nahezu vierte Generation zu unterrichten. Dank einer robusten Konstitution wirkte er bei weitem junger, als er war; der Plauderton lag ihm mehr als die grose rhetorische Geste, der Habitus des Grandseigneurs lies kaum ahnen, welche Beharrlichkeit in ihm steckte. Ob man die spate Freiburger Lehrzeit im Lichte der Verdienste von Gradenwitz sieht oder als reichlich verspatete Wiedergutmachung auffasst, es schloss sich der Kreis einer Karriere, die bestimmt ganz anders verlaufen ware, wenn Hitler nicht die Macht erlangt hatte. Gradenwitz begann das Studium an den Universitaten seiner Heimatstadt Berlin und bei Wilibald Gurlitt in Freiburg i. Br., er schloss es 1936 in Prag bei Gustav Becking mit einer Dissertation uber Johann Stamitz ab, ehe er noch im selben Jahr nach Tel Aviv ubersiedelte. Die Namen seiner Lehrer und Betreuer sowie der gewahlte Gegenstand nahren den Gedanken, dass Hugo Riemann der ideelle Ziehvater gewesen sein mag. Mit ihm teilte Gradenwitz die Neigung zur Vielseitigkeit, zwar nicht im systematischen Impetus, wohl aber im Wechselspiel von historischen und praktischen Belangen. Um die Staatsgrundung herum waren die Bedurfnisse und Aufgaben von Musikwissenschaft in Israel bei weitem andere als in Landern mit ungebrochenen kunstlerischen Traditionen. Gradenwitz widmete sich der Vermittlung von Musik in Form von Konzertfuhrern, er betatigte sich als Entrepreneur, um Werke von Komponisten aus Israel herauszubringen. Wo immer er konnte, machte er sich daran, die zeitgenossische Musik seines Landes zu befordern (was man zur namlichen Zeit von seinen Kollegen in Deutschland schwerlich wird behaupten konnen) . Spater publizierte er seine Bucher nicht ausschlieslich, aber doch vorzugsweise wieder zuerst in deutscher Sprache, und zwar seit dem Urban-Taschenband Wege zur Musik der Gegenwart (Stuttgart 1963), der ebenso ein Desiderat bildete wie anschliesend der Band Musik zwischen Orient und Okzident (Wilhelmshaven 1977), innerhalb der damaligen deutschsprachigen Musikwissenschaft durchaus eine Pioniertat. Sein vielleicht personlichstes Buch hat Gradenwitz schlieslich uber einen musikalischen Feuerkopf geschrieben, der und das ist keineswegs selbstverstandlich etwas junger war als er selbst: Die Monographie uber den Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein ist in erster Auflage 1984 bei Atlantis in Zurich erschienen, die zweite im Todesjahr des Musikers 1 990. Nicht zuletzt veranlasst durch ausere Umstande, war Peter Gradenwitz ein in seiner Generation ausergewohnlicher von heute her gesehen kann man sagen auffallig moderner Musikologe. Er starb am 27. Juli 200 1 in seinem zweiundneunzigsten Jahr in Tel Aviv
Art · Art history · Humanities · Musicology and Musical Analysis · Philosophy · Religion, Theology, History, Judaism, Christianity
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