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HeldenMänner. Zum Verhältnis von neuen und alten Theorien bei digitalen literaturwissenschaftlichen Arbeitstechniken

Bibliographic Data

ID20654956
AuthorsNina Holzschuh (Eberhard Karls Universität Tübingen Tübingen Germany, corresponding author)
Year2023
Volume96
Issue2
Pages257-261
Publication date2023-03-01
Open AccessYes
TypeARTICLE
VenueThe German Quarterly (JOURNAL)
Journal identifiersISSN: 0016-8831 • E-ISSN: 1756-1183
PublisherWiley (PUBLISHER • GB)
DOI10.1111/gequ.12348
OpenAlexW4377043034
LanguageDE
References cited4

In meinem Dissertationsprojekt annotiere ich die sogenannten „Heldenlexeme“ helt (Held, Krieger), recke (Kämpfer, Krieger), degen (Held, Ritter, Kämpfer) und wîgant (Kämpfer, Krieger) in ausgewählten mittelhochdeutschen Heldenepen. Es werden dabei entsprechend eines Annotationsschemas taxonomiebasierte Informationen in die Texte eingebracht, die eine maschinelle Auswertung ermöglichen. Zu diesen Informationen zählt beispielsweise, um welches der Lexeme es sich handelt, ob eine der Figuren oder die Erzählinstanz spricht und über welche Heldenfigur gesprochen wird. Die Annotationen werden von der Fragestellung geleitet, in welchen Relationen Heldenkonzepte in der mittelhochdeutschen Heldenepik zu Männlichkeitskonstruktionen stehen und wie mit dem Blick der Gender und Masculinity Studies den Texten inhärente Problematisierungen und Idealisierungen von Heldentum und Heldenfiguren nicht nur im heterosozialen Kontext, sondern auch im Beziehungsgeflecht verschiedener Männlichkeiten aufgedeckt werden können. Ziel ist es, die alten Texte mit neueren theoretischen Ansätzen der Gender Studies ebenso wie mit neuen methodischen Ansätzen der Digital Humanities zu analysieren, weil in vielen Fällen die Digitalisierung das Erkennen anderer Strukturen in den Texten ermöglicht oder erleichtert. Aus den untersuchten Heldenlexemen werde ich das Lexem wîgant als Beispiel herausgreifen und mit Hilfe der Mittelhochdeutschen Begriffsdatenbank (MHDBDB) analysieren. In der MHDBDB sind viele Editionen von Texten der mittelhochdeutschen Literatur digital mit einer umfangreichen Suchfunktion durchsuchbar, wobei nur die Kotexte der Suchergebnisse und nicht die vollständigen Digitalisate zugänglich sind. Aufgrund der in vielen Texten vorgenommenen Lemmatisierung können zudem auch die verschiedenen Schreibweisen und Flexionsformen eines Lexems gefunden werden. Es kann in der MHDBDB daher leicht herausgefunden werden, dass das Lexem wîgant in der Handschrift B des Nibelungenliedes nur zwei Mal vorkommt, während es im Fragment Alpharts Tod zehn Mal, in Dietrichs Flucht elf Mal, in der Rabenschlacht fünfzehn Mal und in der Klage einundzwanzig Mal vorkommt. Eine Auffälligkeit im quantitativen Befund wird so zum Ausgangspunkt für die interpretatorische Erschließung ausgewählter Textstellen im Nibelungenlied. Die erste Verwendung des Lexems findet sich in Strophe 61, Vers 4 vor Siegfrieds Aufbruch nach Worms. Siegfried bittet seine Mutter in der Textstelle, sich angesichts seiner Brautwerbung nicht zu sorgen, da er selbst ohne Sorge vor anderen wîganden sei (jâ will ich âne sorge vor allen wîganden sîn). Die zweite Lexemverwendung ist in Strophe 1002, Vers 4 an derselben metrischen Position und in parallelisierter Syntax. Im Vers deutet die Erzählinstanz voraus, dass zahlreiche Helden Siegfrieds Tod büßen werden. Beide Verse werden mit dem Ausruf jâ gefolgt von einem Verb eingeleitet und enden auf sîn beziehungsweise sînt (jâ muosen sîn engelten vil guote wîgande sint). In Strophe 1002 wird die Rückkehr der Burgunden nach Worms nach Siegfrieds Ermordung geschildert. Nachträglich wird so Siegfrieds Sorglosigkeit aus der ersten Belegstelle als falsche Einschätzung deklariert. In beiden Textstellen bezieht sich das Nomen auf eine abstrakte Menge anderer Helden, sodass das Lexem wîgant Siegfrieds Verhältnis zu anderen Helden konturiert. Siegfried wird durch diese gefährdet, sein Tod wird aber wiederum auch zur Gefahr für die anderen Helden. Außerdem rahmen die beiden Belegstellen die Schilderungen von Siegfrieds Biographie im Nibelungenlied vom Werbungsentschluss bis zu seinem Tod. Es ist also davon auszugehen, dass das Lexem sehr gezielt eingesetzt wird. Die Parallelität der beiden Belegstellen für wîgant in der Handschrift B über 941 Strophen Distanz ist bemerkenswert. So lässt sich überlegen, ob dies ein Hinweis auf die buchkompositorische Gestaltung der Handschrift ist. Es stellt sich daher die Frage, ob das Lexem wîgant in allen drei Haupthandschriften in ähnlicher Weise eingesetzt ist. Es handelt sich um jene Handschriften mit den Lachmann-Siglen A, B und C, die als älteste vollständige Textzeugen gelten und zudem mit der liet- (C) und der not-Fassung (*AB) zwei Fassungen mit unterschiedlichen Akzenten des Nibelungenliedes repräsentieren. Da Editionen aller drei Haupthandschriften in der MHDBDB verfügbar sind, kann mit zwei weiteren Klicks leicht herausgefunden werden, dass diese Rahmung in Handschrift C ebenfalls realisiert wird, in Handschrift A aber aufgehoben ist. Dort findet sich das Lexem wîgant nur an der zweiten Stelle, während an der ersten Stelle viende (Feinde) steht, sodass sich im Vergleich der Handschriften eine andere Konturierung des wechselseitigen Gefährdungsverhältnisses zwischen Siegfried und den wîganden ergibt. Die Unfestigkeit des zunächst mündlich und später handschriftlich tradierten Textes sollte also in Betracht gezogen werden, da diese Einfluss auf die dargestellten homosozialen Gefährdungsverhältnisse zwischen Heldenfiguren hat. Dieses Erkennen von Strukturen und Mustern wird durch die Digitalisierung der Texte und den damit verbundenen Auswertungsmethoden beschleunigt, im Falle größerer Beleghäufigkeiten sogar vielfach erst ermöglicht. Wären beispielsweise auch die anderen Volltextzeugen und die Handschriftenfragmente der knapp vierzig Überlieferungsträger des Nibelungenliedes in vergleichbarer Weise digital verfügbar, könnte den Verwendungsweisen des Lexems wîgant in allen Handschriften schnell nachgegangen werden. Diese Erleichterung und Beschleunigung zeigt auch der Vergleich mit der älteren Forschung zu den Verwendungsweisen der Heldenlexeme. So hat Alfred Riemen 1954 mittels Strichlisten und handschriftlichen Tabellen Unterschiede in den Verwendungsweisen der vier Lexeme in der mittelhochdeutschen Epik herausgearbeitet. Aufgrund der Vielzahl der Belege und untersuchten Epen hat sich Riemen jedoch auf die Analyse exemplarischer Textstellen konzentriert. Die Digitalisierung verhilft hier Forschungsfragen zu Begriffen und Semantik zu neuen Möglichkeiten durch die Verbindung mit neueren theoretischen Perspektiven (Gender und Masculinity Studies) und Methoden (Datenbankabfragen und Annotationen). Um beim Beispiel der Annotation der Heldenlexeme zu bleiben: Es können nun sämtliche der fast 900 Belegstellen der Heldenlexeme im Nibelungenlied miteinbezogen werden. Es geht dabei nicht nur darum, im Vergleich zu herkömmlichen Arbeitstechniken vollständigere, auf größeren Korpora basierende Merkmalskataloge und Typologien von Heldenfiguren zu erstellen, sondern text- und figurenspezifische Eigenheiten der Verwendung der Heldenlexeme vor der Vergleichsfolie dieser Strukturen herauszuarbeiten, die den Blick auf textinhärente Mechanismen der Problematisierung und narrativen Aushandlung von Heldentum lenken können. Gerade dafür sind im Zweifelsfall jedoch Datenbankabfragen nicht mehr ausreichend. Für aufwendigere Kotext- und Kookkurrenzanalysen – d.h. Analysen, welche Wörter gemeinsam „in einem vordefinierten Kontext“ vorkommen (Schwandt, „Virtus“ 28) – sind die aufbereiteten und mitunter auch annotierten Digitalisate der Editionen notwendig, da nur diese für Verfahren des Data bzw. Text Minings verwendet werden können. In meiner Arbeitspraxis beobachte ich sowohl in der Forschungsliteratur als auch bei der Auswertung meiner eigenen Annotationsdaten eine starke Orientierung an Kategorien, Strukturen, Mustern und Regelmäßigkeiten, die aus den generierten Daten ersichtlich werden und häufig als zentraler heuristischer Mehrwert der Methode gelten. Ungeklärt ist jedoch, wie sich diese wiedererstarkte Fokussierung auf Strukturen zu den literaturwissenschaftlichen Entwicklungen seit Ende der 1960er Jahre und zum Poststrukturalismus verhält. Die Festlegung von Annotationskategorien und die Suche nach Strukturen in den Daten scheinen auf den ersten Blick nur schwer vereinbar mit einem poststrukturalistischen Verständnis von Sprache und Literatur, scheinen deren Vieldeutigkeit, Ambiguität und Subversion nicht so recht greifen zu können (vgl. Rapp, „Digitalität als Teil der fachlichen Identität“ 116). Was zunächst widersprüchlich erscheint, lässt sich durch mixed methods-Verfahren auflösen (Beispiele u.a. bei Braun und Reiter und jüngst Braun und Darilek). Durch die Verbindung der digitalen, zumeist quantifizierenden Techniken mit qualitativen, interpretatorischen Ansätzen des close reading können die herausgearbeiteten Strukturen als Vergleichsfolie für Textdetails herangezogen werden. Im Abgleich beider Perspektiven lässt sich analysieren, wo die Strukturen aufgehen und wo Belegstellen sich diesen entziehen, wo es also Ausnahmefälle und Widerständigkeiten gibt. Da ein wichtiger Teil der digitalen Methoden die Quantifizierung von Befunden ist, geht mit der Suche nach Strukturen der Wunsch nach Objektivität oder zumindest intersubjektiver Akzeptanz der Annotationsentscheidungen und der mit der Datengenerierung verbundenen Prozesse einher. Friederike Schruhl sieht den Zusammenhang in der Annahme begründet, dass „Quantifizieren [...] häufig als objektiveres, unpersönlicheres, gültigeres, überprüfbareres und wissenschaftlicheres Vorgehen [gilt], das vor subjektiven [...] Deutungen schütze“ (250). Die Festlegung der Annotationskategorien unterliegt jedoch hermeneutischen Erkenntnisprozessen und interpretatorischen Entscheidungen, die nun mit veränderten Ansprüchen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit, mithin auch einer Reduzierung des bias, wie wir sie aus der natur- und sozialwissenschaftlichen Forschung kennen, konfrontiert werden. Um die geforderte Objektivität oder zumindest intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu erreichen, wurde das kollaborative, richtliniengestützte Annotieren in einem iterativen Prozess zum Standard erkoren. Annotationsprojekte, die dem gerecht werden wollen, sind aber nur mit entsprechendem Kosten- und Personalaufwand realisierbar. Zudem handelt es sich trotz des in diesen Projekten erzielten hohen Maßes intersubjektiver Übereinstimmung der Annotationsentscheidungen dennoch um verortetes Wissen – verortet hinsichtlich der Ausbildung und des Forschungsstandortes der beteiligten Personen, der Korpuszusammenstellung, der Vorannahmen und Leitfragen sowie der Entscheidung, wie vom Computer generierte Zahlen eingeordnet und interpretiert werden (vgl. Schwandt, „Digitale Methoden“ 133). Silke Schwandt hat deshalb den „Mythos der digitalen Objektivität“ („Digitale Objektivität“ 337) zugunsten einer „reflektierten Subjektivität“ verabschiedet („Digitale Objektivität“ 338), die auch Ziel nicht-digitaler Arbeitstechniken ist. Denn hier ergibt sich ein Widerspruch: Das individuelle Erkennen bei herkömmlichen Praktiken des Analysierens und Interpretierens, wie es vom hermeneutischen Zirkel beschrieben wird, ist als valides Vorgehen anerkannt, während von Annotationen, die in ihren iterativen Erkenntnisprozessen oftmals mit dem hermeneutischen Zirkel parallelisiert werden, Kollaboration gefordert wird. Aus diesem Grund sollte das individuelle Annotieren als Arbeitstechnik nicht a priori ausgeschlossen, sondern weiter reflektiert und theoretisiert werden. Dabei ist insbesondere auch zu diskutieren, mit welchen Theorien die digitalen Methoden Symbiosen eingehen und wie sich Theoretisierungen der digitalen Arbeitstechniken zu anderen Entwicklungen im Fach verhalten. Denn in der Trias aus alten Texten, digitalen Methoden und neueren literatur- und kulturtheoretischen Perspektiven liegt ein großes Potential für neue Erkenntnisse auf oftmals bereits breit erforschte Texte. 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  • Digitale Methoden für die Historische Semantik

    Silke Schwandt•Geschichte und Gesellschaft•2018

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