Elfriede Jelineks Theater des (Post-)Politischen
Agonistik der Gegenwartsliteratur by Irene Husser (review)
Bibliographic Data
| ID | 22346109 |
|---|---|
| Authors | Peter Höyng |
| Year | 2024 |
| Volume | 57 |
| Issue | 1 |
| Pages | 133-137 |
| Publication date | 2024-03-01 |
| Open Access | No |
| Type | ARTICLE |
| Venue | Journal of Austrian Studies (JOURNAL) |
| Journal identifiers | ISSN: 2165-669X • E-ISSN: 2327-1809 |
| Publisher | Project MUSE (PUBLISHER • US) |
| DOI | 10.1353/oas.2024.a921914 |
| OpenAlex | W4392597784 |
| Language | DE |
Reviewed by: Elfriede Jelineks Theater des (Post-)Politischen: Agonistik der Gegenwartsliteratur by Irene Husser Peter Höyng Irene Husser, Elfriede Jelineks Theater des (Post-)Politischen: Agonistik der Gegenwartsliteratur. Berlin: de Gruyter, 2023. 282 S. Der Titel von Irene Hussers Dissertation kündigt die vier verwobenen Themenkomplexe ihrer Arbeit an. Als ihr erstes Anliegen sieht Husser ganz allgemein die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und wie die Literaturwissenschaft sich legitimerweise mit ihr auseinandersetzen kann. Sodann geht es ihr um literarische Texte, die einen politischen Impetus enthalten; wohlwissend, drittens, dass es in Zeiten des Postpolitischen, also Zeiten wo es dem Kapitalismus westlicher Prägung gelungen sei, Oppositionshaltungen durch Absorption zu neutralisieren, es nahezu unmöglich geworden sei, politischen Dissens literarisch repräsentativ zu gestalten. Es sei denn, viertens, man wendet sich Jelineks Theatertexten zu, in denen es gelingt, "das postpolitische Verschwinden von Konflikten und Dissens in Szene [zu setzen], [. . .] ohne Literatur dabei zu einem Residuum des Widerstandes und Gegendiskurs im Abseits der hegemonialen Ordnung zu stilisieren" (254). Diese inhaltliche Kurzfassung impliziert bereits, dass Husser eine Reihe von Prämissen bzw. theoretisch geleiteten Ab- und [End Page 133] Eingrenzungen vornimmt, bevor sie sich folgenden Theatertexten Jelineks in immer neuen Perspektiven zuwendet: Wolken.Heim, Ulrike Maria Stuart, Die Kontrakte des Kaufmanns, Rein Gold, Am Königsweg, Das Lebewohl, Rechnitz (Der Würgeengel) und Die Schutzbefohlenen. Ihre soziologisch und politisch-philosophisch geleitete Arbeit teilt sich dabei in sechs Kapitel auf, eingerahmt durch eine knappe Einleitung (erstes Kapitel) und einen ebenfalls kurzen zusammenfassenden Epilog (achtes Kapitel). In ihrem zweiten Kapitel steckt Husser ihr Fundament in der Auseinandersetzung mit Jelineks Theatertexten ab, indem sie sich vor allem auf Heribert Tommeks Der lange Weg in die Gegenwartsliteratur. Studien zur Geschichte des literarischen Feldes in Deutschland 1960–2000 (2015) beruft und mit ihm zusammen methodologisch Pierre Bourdieus Soziologie des literarischen Feldes für sich beansprucht. Für ihre eigene Herangehensweise grenzt sie sich zwar von einer Diskursanalyse nach Foucault ab, möchte aber aus heuristischen Gründen einen diskursiven Erfahrungsraum ausloten, der "die Existenz von Korrespondenzen und Homologien zwischen Literatur und politischer Theorie erklären" (14). Derart aufgestellt, entwickelt Husser im dritten Kapitel, was sie unter dem Begriff des Politischen versteht, der selbstredend nicht verwechselt gehört mit den tagesaktuellen Verwerfungen der Politik. Dieses Mal geht sie reichlich apodiktisch vor, wenn sie, in einem ersten Schritt, den Begriff des Politischen im zwanzigsten Jahrhundert von Carl Schmitt, Hannah Arendt und Martin Heidegger ableitet, hingegen beispielsweise Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno keine Rolle spielen. Doch die drei politischen Philosophien als "zentrale Traditionslinien" fungieren ohnehin nur als Wegbereiter zu Hussers wichtigsten Garanten, um den Begriff des Politischen in einem zweiten Schritt semantisch auszufüllen: Chantal Mouffe und Ernesto Laclau, Claude Lefort, Marcel Gauchet und Jacque Rancière. Ihren postmarxistischen Theorien zum Politischen sei gemeinsam, dass die These von der "Undurchsichtigkeit des Sozialen" (Laclau und Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie) einer Neuausrichtung emanzipatorischer Politik bedürfe. Aus den Schriften der genannten Philosophen leitet Husser sodann als heuristische Kernbegriffe für die spätere Analyse von Jelineks Texten Hegemonie, das Postpolitische sowie Subversion und radikale Demokratie ab. Dass Husser in diesem Kapitel einige Widersprüche innerhalb der Phalanx an theoretischen Ansätzen umgeht, wie z.B. dem, dass Rancières Arbeiten zur Ästhetik zwar in der Medien- und Theaterwissenschaft vielfach rezipiert werden, aber letztlich [End Page 134] unvereinbar bleiben mit Bourdieus durchaus mechanistischem Ansatz des Feldes, bleibt ebenso ausgespart, wie auch Slavoj Žižek oder besagter Adorno zu Randfiguren keine Berücksichtigung finden und erst spät als Randfiguren auftauchen. Der Gewinn dieser Aussparungen liegt jedoch für Husser darin, ihrer plausibel dargelegten Argumentationskette die nötige Stringenz und der Arbeit als Ganzes große Kohärenz zu verleihen. Dementsprechend spitzt sie beispielsweise Gramscis Begriff der Hegemonie für Laclaus und Mouffes Diskursanalyse so zu, dass in der hegemonialen Artikulation der Begriff der Freiheit dazu tendiert, "sich zu einem leeren Signifikanten zu überdehnen, der sich von seinem ursprünglichen emanzipatorischen Anspruch immer weiter entfernt" (32). Diese hegemoniale Vereinnahmung führe unweigerlich zum Verschwinden bzw. der Unterdrückung des Politischen, die, in dialektischer Volte, umso mehr seine Rückgewinnung in Zeiten des Postpolitischen oder Postdemokratischen auf den Plan rufen. Mit Laclaus und Mouffes Zielsetzung "für das
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